Lehrkunst

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Drei Jahre Vorarbeit fĂŒr ein LehrstĂŒck zum Labor der Moderne

Cover Florian Illies 1913 zu Besprechung Labor der Moderne„1913“ heisst das passende Buch fĂŒr das Jahr, das wir eben durchschreiten. Der Autor Florian Illies bietet darin aber viel mehr als eine launige Anekdoten-Sammlung von 100 Jahre alten Geschichten. Es ist – bei didaktischem Lichte besehen – eigentlich eine LehrstĂŒck-Vorlage fĂŒr ein neues kulturgeschichtliches LehrstĂŒck zum „Labor der Moderne“ im 20. Jahrhundert.

Sachbuch oder literarisches Werk? Gehobene Plauderei oder raffiniert lancierter Bestseller? Das Feuilleton fand einfach kein richtiges Haar in der Suppe, um das einhellige Lob auf das jĂŒngste Werk des Bestseller-Autors und Journalisten-Kollegen Illies etwas abzuschwĂ€chen. Also blieb es bei den (halt verdienten) Elogen wie in der taz: „Jeder Satz sitzt, wie Wort fĂŒr Wort hundertfach ab- und nachgewogen, bis alles ganz wundersam locker in Schwingungen gerĂ€t.“ Oder: "Die Konstruktion des Buches ist fabelhaft, Florian Illies' anekdotischen Gaben sind es nicht minder, die Charakterisierung von Personen und Situationen ist beeindruckend. Auch was ich zu kennen meinte, habe ich hier ganz neu gelesen," (Henning Ritter in der FAZ.) “ "1913" ist ein gewaltiger Teaser - und vielleicht das opulenteste Buch zur aktuellen Krise,“ fasst Gustav Seibt in der SĂŒddeutschen Zeitung zusammen. „Gewaltiger Teaser“ – ja, da klingt etwas von Lehrkunstdidaktik an, denn das will die Lehrkunst doch auch: Teaser setzen fĂŒr die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler, sich mit ihrem aktuellen Verstehensinteresse einzulassen auf die Geschichte, auf die Kultur der Vergangenheit.

Schon lange diskutieren wir in Lehrkunstkreisen die Notwendigkeit eines LehrstĂŒcks zum „Labor der Moderne“, das wir aber bisher in den „Golden Twenties“ angesiedelt sahen. Wie viel Grundlegendes und fĂŒr das VerstĂ€ndnis unserer Gegenwart Zentrales ist nicht dann gegen den Widerstand des Alten errungen, entwickelt, ausprobiert, gesetzt worden? Die Abstraktion in der bildenden Kunst, die RelativitĂ€t in der Physik, die Reduktion in der Musik, die Emanzipation in den Sozialbeziehungen, die Demokratisierung in der Politik, die Nachhaltigkeit in der PĂ€dagogik, um hier noch einen Bogen zu den Wurzeln der Lehrkunst in der ReformpĂ€dagogik zu schlagen. Oder wenn wir auf vorhandene LehrstĂŒcke schauen: Um die Abstraktion geht es unter anderem in „Mein eigenes Kunsthaus bauen“, wo wir uns mit van Gogh, Picasso, Kirchner, Klee und vielen anderen selbst in die Malerei der Moderne einzeichnen (Vgl. ‎Eugster, W. /Berg, H. Chr. (Hrsg.) Kollegiale Lehrkunstwerkstatt (=Lehrkunstdidaktik 3), Bern: hep 2010, S. 179ff.). In der „Quantenchemie farbiger Stoffe mit Heisenberg und Einstein“ (‎Baars, GĂŒnter: Quantenchemie farbiger Stoffe mit Heisenberg und Einstein (= Lehrkunstdidaktik 6), Bern: hep 2011) verfolgen wir Heisenbergs Entdeckungen der Quantenmechanik und seine GesprĂ€che mit Einstein 1925 und 1926 im Original, in Bertolt Brechts „Leben des Galilei“ sehen wir dem Schriftsteller bei der Entwicklung des politisch eingreifenden epischen Theaters zu, vom Welterfolg der „Dreigroschenoper“ (1928) bis zum errungenen und gleich wieder verworfenen „Galilei“-Drama von 1938 (Hier gehts zum ‎LehrstĂŒck ĂŒber Galilei ), im LehrstĂŒck „Balance aufbauen“ ĂŒben wir uns mit Elsa Gindler in einer neuen ganzheitlichen geistig-körperlichen Gymnastik, wie sie sie 1926 in einem Vortrag entwickelt hatte (siehe Newsletter 1/2012). Überall Wendepunkte mit dem Beigeschmack von Paradigmenwechseln weit ĂŒber das jeweilige Fach hinaus! Wie aber können wir den SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern je den Zusammenhang zwischen all diesen Neuerungen plausibel machen bzw. das Verlegenheitslabel „Moderne“ mit Inhalt fĂŒllen?

Es braucht einen Fokus, ein exemplarisches Werk oder einen konkreten Lehrgegenstand zum EntrĂ€tseln fĂŒr den Anfang. Gerade in der Geschichte, in der Kunst- oder Wissenschaftsgeschichte sind LĂ€ngsschnitte fĂŒr SchĂŒlerinnen und SchĂŒler sehr schwer zu fassen, weil sie nur Epochenbezeichnungen mit vielen abstrakten Begriffen vorgesetzt bekommen, zu welchen ihnen die Anschauung fehlt. Die Konzentration in einem Gegenstand oder Werk, welche die Lehrkunstdidaktik anstrebt, etwa die (brennende) Kerze im LehrstĂŒck „Faradays Kerze“ (Vgl. Wildhirt, Susanne: LehrstĂŒckunterricht gestalten (= Lehrkunstdidaktik 2), Bern: hep 2008, S. 95 ff.) bietet dagegen diese Anschaulichkeit und einen Punkt fĂŒr den Beginn unseres forschenden Fragens, aber auch fĂŒr die Vergewisserung zwischendurch und die repetierende Übersicht am Schluss.

Das Buch „1913“ ist so eine „Kerze“. Im genetischen Synchronschnitt durch das Jahr 1913 und aufgeteilt auf die zwölf Monate des Jahres bietet Illies darin detailgesĂ€ttigt, aber immer in anekdotischen Kurzabschnitten das Netzwerk der (vorwiegend) europĂ€ischen Kunst- und Wissenschafts- und Politavantgarde in ihrem Leben, Lieben und Leiden durchs Jahr hindurch. „Geschichtsschreibung aus dem Geist der Tageszeitung“, nennt es Gustav Seibt in seiner Rezension: „Und alle, alle treten sie auf, durch Editionen nun mit ihren grĂ¶ĂŸten Geheimnissen fĂŒr uns entblĂ¶ĂŸt: Franz Kafka wirbt auf krankhaft unentschiedene Weise um Felice Bauer, Georg Trakl quĂ€lt sich mit Inzestphantasien, Karl Kraus verliebt sich in Sidonie von NadhĂ©rny, an der eigentlich auch Rilke interessiert ist, Hitler zieht nach MĂŒnchen um, hat aber davor noch FrĂŒhjahrstage in Wien verlebt, wo zur selben Zeit auch Stalin durch den Park von Schönbrunn spazierte.“ Gerade an dieser Anekdote, die Illies bewusst in die Möglichkeitsform setzt, zeigt sich die QualitĂ€t einer solch konzentrierten Nuss: 1913 waren nachweislich die beiden grössten weltgeschichtlichen Despoten des 20. Jahrhunderts in Wien. Sie hĂ€tten sich da schon begegnen können, nicht erst bei ihrem verhĂ€ngnisvollen Pakt von 1939 zur Aufteilung Polens, dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Aber beiden standen ja der Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution noch bevor. Der grosse Schatten von 1914 liegt fĂŒr uns Nachgeborene stets ĂŒber dem ganzen Vorjahr, aber alle von Illies berichteten Fakten, Treffen, Vorhaben, Erlebnisse und Werke bekommen dadurch eine ganz andere Verbindlichkeit und Dringlichkeit.

Und wie das LehrstĂŒck zu spielen sei, gibt die Form von Illies‘ Buch auch schon vor. Vorab natĂŒrlich fĂ€cherĂŒbergreifend, im Zusammenspiel von SprachfĂ€chern (Deutsch, Französisch, Englisch), Geschichte und KunstfĂ€chern (Bildnerisches Gestalten, Musik). Illies druckt wenige Gedichte und Fotos von GemĂ€lden oder Skulpturen ab (die sehen wir uns natĂŒrlich an), aber kaum „Werke“. Doch seine Anekdoten, denen wir gemeinsam mit der Klasse entlang gehen können, wirken eben als „Lockvögel“. Wenn die Klasse durch die Beschreibung neugierig geworden ist, wie Strawinskys „Le sacre du printemps“ tönt, dann hören wir uns an dieser Stelle dieses SchlĂŒsselwerk des 20. Jahrhunderts an. Wenn sie wissen will, welche Rolle Hitler und Stalin 20 Jahre spĂ€ter gespielt haben, bekommen sie einen Abriss der Diktatur-Geschichte im 20. Jahrhundert. Wenn die Klasse dem Weltreisenden und Maler Emil Nolde ins deutsche Schutzgebiet „Neu-Pommern“ (Papua-Neuguinea) folgen will, dann sehen wir uns einige seiner Aquarelle aus dieser Zeit an. Wenn sie hinter das Geheimnis Kafkas kommen will, warum er seine Geliebte Felice Bauer 1913 als Bedrohung fĂŒr sein Schreiberleben sieht, dann lesen wir doch „Das Urteil“ oder „Die Verwandlung“ aus dem Vorjahr. Oder hinein in Prousts ersten Band von „A la recherche du temps perdu“ oder von Joyces‘ „Ulysses“ usw. Jedes Mal mit der Absicht, das Moderne und UmstĂŒrzende dieser Werke herauszudestillieren.

Es wird und muss bei einer strengen Auswahl bleiben, die FĂŒlle ist allzu gross. Aber es soll die Auswahl der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler sein – und der ĂŒbersichtliche Rahmen in dieser Zeit der beginnenden UnĂŒbersichtlichkeit bildet dieser anekdotische Gesellschaftsroman ĂŒbers Jahr 1913. Als LehrstĂŒck hat das Werk das Zeug zu einem grundlegenden und grundorientierenden Unterricht in der Geschichte wie etwa die „Kurze Weltgeschichte fĂŒr junge Leser von Ernst Gombrich“. Illies hat nach eigenem Bekunden drei Jahre daran gearbeitet. Seien wir dankbar fĂŒr diese hervorragende wissenschaftliche Vorarbeit. Bringen wir gleich die Ernte ein!

von Stephan Schmidlin

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